10. Sonntag
im
Jahreskreis
"Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter" (Mk 3,35) - das sagt sich so leicht! Was ist das, der Wille Gottes? Wie soll ich wissen, was Gott jetzt im Augenblick will? Wie soll ich das wissen, wenn er's mir nicht sagt! Was Gott eigentlich von mir will, und - wenn ich's wüsste - wie ich dann wohl reagieren würde, das ist ein Problem, das mich seit langem ungeheuer beschäftigt. Und es ist eine Frage, mit der ich wohl endgültig nie zu Rande kommen werde.
 
Ich bin aber mittlerweile - so denke ich - zumindest einen Schritt weitergekommen, und dabei hat mir ein Text aus dem Alten Testament ungeheuer viel geholfen, nämlich das 6. Kapitel des Buches Micha. Dort wird für mich die kürzeste und prägnanteste Umschreibung des Gotteswillens überhaupt beschrieben. Der Prophet Micha sagt: Stell dich doch nicht so an! Es ist dir doch gesagt worden, was der Herr von dir erwartet! Es ist dir gesagt worden, was gut ist! Und nichts anderes erwartet Gott von dir, nichts anderes, als das, was gut ist. Und das meint im Letzten nichts anderes, als das, was gut für dich ist!
 
Das ist nach Ausweis der Bibel der Wille Gottes! Nichts anderes, als das, was gut für mich ist, genau das will Gott. Und er will es auch nicht von mir. Er will es für mich! Die großartigste Umschreibung des Gotteswillens, die ich kenne. Keine gewaltigen Leistungen, keine unmotivierte Askese und Aufopferung, keine Griesgrämigkeit oder Trauermiene! Er will das, was für mich gut ist.
 
Freilich ist das, was wirklich gut für mich ist, nicht immer identisch mit dem, was ich jetzt gerade will. Ich darf es deswegen nicht einfach verwechseln mit der Erfüllung all meiner Wünsche, meiner Vorstellungen. Und es hat auch nichts zu tun, mit egoistischem Streben, persönlichem Vorteil oder irgendeiner billigen Selbstverwirklichung. Das Streben nach dem, was für mich gut ist, das ist kein Freibrief für den Einsatz von Ellenbogen oder das Gehen über Leichen.
 
Wenn Gott das Gute für mich im Blick hat, dann geht es ihm nicht um kurzfristige Glückserlebnisse, nicht um oberflächliche Zufriedenheit oder gar um eine bequeme Sorglosigkeit. Wenn es Gott um das Gute für mich geht, dann ist dieses Gute anscheinend immer eingebettet, in das Gute auch für den anderen Menschen. Denn das, was wirklich gut für mich ist, das scheint gleichzeitig auch das zu sein, was auch für den anderen jetzt im Augenblick das Beste ist.
 
Deswegen konkretisiert der Prophet Micha den Gotteswillen auch in dieser ungeheuer prägnanten Formulierung. Deswegen umschreibt er das, was für mich im Letzten gut ist auch mit diesen - für mich - so ungeheuer großartigen Worten: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben, und besonnen gehen mit deinem Gott." (Mi 6,8)
So erfülle ich den Willen Gottes - jeden Tag aufs Neue.
 
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